Anett Sattler: „Meine Handball-WM“

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Redakteurin, Kamerafrau, Cutterin und viele andere Aufgaben – Für Anett Sattler war die Handball WM in Katar sehr vielfältig. Für „Planet of Sports“ nimmt sie sich die Zeit, uns einen Eindruck davon zu geben, wie aufwendig und facettenreich dieser Beruf wirklich ist.

Handball-WM in Doha. Wie lange bin ich schon hier? Welcher Wochentag ist heute? Und wie lange bleibe ich noch? Ich weiß es nicht! Mein fünftes Turnier als Reporterin und eines ist wie immer: Ich habe das Gefühl für Raum und Zeit verloren, laufe komplett auf Autopilot. Es gibt nur zwei Arten von Tagen: Spieltag oder Medientag. Beide haben mittlerweile feste Strukturen. Das Anfangschaos hat sich gelegt. Ich habe einen Weg gefunden, alle Aufgaben vor Ort zu koordinieren. Es ist eine arbeitsintensive Zeit, die wenig Raum gibt für etwas anderes als den Job. In dieser Zeit erreicht mich eine Anfrage von „Planet of Sports.“

Einfache Aufgabe: „Erzähl uns von deiner persönlichen Handball-WM! Wir sehen hier in Deutschland nur das Ergebnis deiner Arbeit. Wir sehen deine Interviews und Aufsager auf sport1.de und lesen deine Texte und Kretzsches Kolumne. Wir sehen deine Sendungen für DHB Timeout und Kretzsches WM-Tagebuch auf youtube. Aber wir wissen nicht, wie das alles entsteht. Erzähl uns davon!“

Autopilot aus!

Interessant und überraschend. Sowas passiert nicht allzu oft. Ich muss nicht lange darüber nachdenken. Klar gebe ich euch einen Einblick – aber nicht jetzt. Dafür bleibt in diesen Tagen einfach keine Zeit. Ich verspreche, mich nach dem Turnier wieder zu melden.

Autopilot an!

Der Montag nach dem Finale. Flug QR77 von Doha nach Berlin. Ich schrecke in meinem Sitz hoch. Den Abflug um 14 Uhr hatte ich schon nur noch im Halbschlaf mitbekommen. Seitdem waren drei Stunden vergangen. Für jemanden, der im Flieger normalerweise kein Auge zumachen kann, grenzt das an ein mittelschweres Wunder. Okay, ich hatte in der vergangenen Nacht wieder nur 2 Stunden geschlafen – nach dem Finale und einem Abschlussgetränk mit dem Team von DHB Timeout noch den letzten Teil von Kretzsches WM-Tagebuch geschnitten und hochgeladen, die Rückreise organisiert und mich mit der Fluggesellschaft rumgeärgert, weil es wegen Überbuchung des Fliegers keine Sitzplatzbestätigung geben sollte und war außerdem voller Sorge, wie ich meine 17 kg Übergepäck an Technik und Equipment ohne zusätzliche Kosten ins Flugzeug kriegen sollte. Da kann man schon mal müde sein. Tatsächlich aber wird mir erst in diesem Moment die Belastung und der Druck der vergangenen 19 Tage bewusst. Und da kommt mir die Anfrage wieder in den Kopf: „Erzähl uns von deiner WM!“ Ja…! Aber bevor ich weiter darüber nachdenken kann, falle ich in den nächsten traumlosen Schlaf. Als ich wach werde, bin ich bereits zuhause. Berlin! Heimat! Wieder da!

Und es geht direkt weiter: Schürrle-Transfer in Wolfsburg, Trainerentlassung bei Hertha, Krebs-Erkrankung von Union Berlins Benjamin Köhler, Allstargame, die Trennung von Alexander Zorniger und RB Leipzig, Bundesliga, Zweite Liga, Handball… Die Rückkehr nach Berlin bedeutet auch die Rückkehr zur Verantwortung für die Außenredaktion. Priorität Nr. 1 neben dem Job: die Energiespeicher wieder auffüllen und bloß nicht krank werden. Ein Kollege nach dem anderen ist während der WM umgefallen. Den Rest hat es bei der Rückkehr nach Deutschland erwischt. Ich bleibe weiter standhaft und danke meinem Immunsystem dafür, dass es so gut mitzieht.

Drei Wochen später steht noch immer ein Koffer in meinem Flur, der bisher nur zur Hälfte ausgepackt wurde. Offensichtliche Restspuren aus der Zeit in Qatar. Aber auch unterbewusst ist das Wüstenabenteuer noch immer präsent. Diese WM 2015 war in jeglicher Hinsicht besonders. Das erste Turnier in nur einer einzigen Stadt. Kurze Wege. Eine WM in einem Land, das der Welt beweisen will, dass es der perfekte Ausrichter für sportliche Mega-Events ist. Gute Organisation. Hohe Standards. Erst die vierte Weltmeisterschaft außerhalb Europas nach Japan (1997), Ägypten (1999) und Tunesien (2005). Das Wüstenturnier. Angenehme 25 Grad und den ganzen Tag Sonne. Aber auch: die Nicht-Qualifikation unserer deutschen Nationalmannschaft, die Vergabe der Wild Card, die Diskussionen um die Fernseh-Rechte, die am Ende erstmals bei Sky im Pay TV landeten.

Noch nie zuvor hat mich ein Turnier schon im Vorfeld so intensiv beschäftigt wie diese Weltmeisterschaft in Qatar. Eine emotionale Achterbahnfahrt, die eigentlich schon ein Jahr zuvor begonnen hatte. Europameisterschaft 2014 in Dänemark. Ohne Deutschland. Also auch ohne Stefan Kretzschmar und Anett Sattler für SPORT1 vor Ort, nachdem wir zuvor vier Turniere begleitet hatten. Der Sender hat die EM trotzdem übertragen. Stefan war als Co-Kommentator bei diversen Spielen im Einsatz, ich habe das Ganze zuhause auf dem Sofa verfolgt. Ziemlich schnell war klar: Das muss ich nicht noch mal haben.

Und so bestand die erste Jahreshälfte 2014 aus Daumendrücken für die WM-Qualifikation. Die harte Ernüchterung kam in Juni: Play-Off-Spiele gegen Polen verloren, das Aus für die Weltmeisterschaft in Qatar. Einige Wochen später dann die Nachricht, wir wären doch dabei. Deutschland erhält eine Wild Card für die Teilnahme. Einmalig in der Geschichte des Turniers. Ich war glücklich und beschämt zugleich. Am Ende aber überwog die Vorfreude auf die WM.

Doch die Hängepartie ging weiter und zog sich bis kurz vor das Jahresende. Der Bedarf einer Vor-Ort-Berichterstattung ist für einen TV-Sender natürlich immer auch abhängig von den Übertragungsrechten, egal ob live oder in der Zweitverwertung. All die Spekulationen und Diskussionen um dieses Thema können ziemlich zermürbend sein, wenn man selbst davon betroffen ist und jeden Tag auf den Startschuss für die Vorbereitungen wartet. Im Dezember traf SPORT1 schließlich die Entscheidung, die Handball-WM unabhängig von der noch immer ungeklärten Rechte-Situation als Online-Thema auf sport1.de zu platzieren. Stefan und ich sollten die Reporter vor Ort sein. Monatelang hatte ich mit den Hufen gescharrt, jetzt wurde ich von der Leine gelassen.

Die Aufgabenbereiche waren schnell abgesteckt. Unterwegs als VJ – verantwortlich für Inhalt, Aufbereitung und Weiterverarbeitung des Materials aus Doha. Redakteurin, Kamerafrau und Cutterin in einer Person. Interviews führen, aufzeichnen, schneiden und über einen Server zum Sender nach Ismaning schicken, damit sie dort online gestellt werden können. Aktuelle Aufsager zur Situation vor Ort. Stefan als Experte an meiner Seite. Also eigentlich alles wie immer. Nur die Plattform würde eine andere sein, Online statt TV. Das würde ein gewisses Umdenken zur Folge haben. Der Kern der Arbeit bliebe derselbe, aber der Job geht weiter, wenn die Kamera aus ist. Jede Beobachtung, jeder Gesprächsfetzen, jede Hintergrundinformationen ist wichtig für die Kollegen der Online-Redaktion, die in Ismaning sitzen und die Texte zur WM schreiben werden. Außerdem würden wir nach jedem Spieltag der deutschen Nationalmannschaft „Kretzsches Kolumne“ aus Doha liefern. Die Handball-WM auf sport1.de!

Kurz darauf bekam ich einen Anruf von Studio360 Grad – der Agentur, die für den DHB das youtube-Format „DHB Timeout“ produziert. Ein Spezial-Magazin aus Doha war der Plan, den sie gern mit mir gemeinsam umsetzen wollten. Der kurzzeitigen Sprachlosigkeit folgten ein ausgiebiger Freudentanz durch´s Büro und ein Anruf bei SPORT1, um abzuklären, ob ich diese Anfrage annehmen könnte. Ich hatte das Format schon länger im Blick gehabt und die Entwicklung verfolgt und ich hatte vor allem eines: richtig Bock drauf, gemeinsam mit dem Team von Studio360Grad eine tägliche Handball-Sendung aus Qatar zu produzieren. „DHB Timeout – WM Spezial“ war geboren.

Und natürlich musste auch eine alte Tradition wieder zum Leben erweckt werden: Kretzsches WM-Tagebuch. Die Plattform war schnell gefunden: kanal73 auf youtube. Ebenso klar war die Aufgabenverteilung: Stefan verantwortlich für den Inhalt und der Mann vor der Kamera, ich dahinter und anschließend im Schnitt. Das emotionale Herzstück meiner Arbeit in Doha, verbunden mit vielen guten Erinnerungen aus den Jahren 2010 bis 2013.

Die folgenden sechs Wochen verbrachte ich damit, den Tunnel zu bauen, in den ich am 14. Januar mit Abflug nach Doha eintreten würde. Ich war Feuer und Flamme, wachte jeden Morgen mit riesiger Vorfreude auf und arbeitete fleißig am Titel der Organisationsweltmeisterin. Tatsächlich gab es noch viel zu tun: Reise planen, Visa beantragen, Equipment beim Zoll anmelden, Akkreditierungen besorgen, Konzepte schreiben… Eine Sache, die ich übrigens sehr genossen habe. Ich hatte die Möglichkeit, das Format „DHB Timeout – WM Spezial“ konzeptionell mitzuentwickeln und bin darin aufgegangen. Reiseführer wurden gekauft und gewälzt, das Internet durchforstet – immer auf der Suche nach Themen, Ideen und Locations für meine drei Jobs in Doha, aber auch in Vorbereitung auf die Logistik und die Kultur vor Ort. Am späten Abend des 24. Dezember, lange nach dem obligatorischen Familienessen, ertappte mich mich auf dem Boden meines Wohnzimmers hockend, wie ich Hotel, Halle und andere wichtige Punkte auf einem Stadtplan von Doha markierte.

Das Wüstenabenteuer hatte mich zu diesem Zeitpunkt vollends infiziert. Aber je mehr ich über dieses Land und dieses Turnier las, umso mehr entwickelte ich neben all der Vorfreude auch Skepsis und Vorurteile. Die Rolle der Frau und das entsprechende Verhalten in der Öffentlichkeit – mir wurde sogar geraten, immer ein Tuch dabei zu haben, damit ich mich im Zweifelsfall verhüllen kann. Die Situation der Gastarbeiter in Qatar, die mehr als betroffen macht. Die arabische Lebenskultur und das daraus resultierende Verständnis für Arbeit und Organisation – das lässt sich mit deutscher Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit nicht vergleichen. Allein die Klärung der Frage, was ich tun muss, um am Zoll keine Probleme mit meinem Kamera-Equipment zu bekommen, hat mich drei Besuche in der Botschaft und sechs Telefonate gekostet – um am Ende immer noch nicht zu 100 % zu wissen, ob alles klappen würde. Oft genug habe ich in dieser Zeit die Erfahrung gemacht, dass ich mich auf bestimmte Aussagen einfach verlassen und darauf vertrauen muss, dass am Ende alles gut geht.

Eine weitere organisatorische Baustelle – neben den Einfuhrbestimmungen beim Zoll – war der Transport meines technischen Equipments. In den Jahren zuvor war es immer einfach – Kofferraum auf, alles rein, Kofferraum zu. Und zur Not gab´s noch die Rücksitzbank. Stefan und ich waren bisher immer mit dem Auto unterwegs, ob 1300 km nach Belgrad oder 1900 km nach Barcelona. Dieses Turnier jedoch erlaubte jedem von uns 30 kg Gepäck im Flieger. Equipment-Check war angesagt: Kamera-Tasche inklusive Licht- und Tontechnik 9 kg, Stativ-Tasche 11 kg, Schnitt-Laptop 5 kg. Machte zusammen 25 kg. Die ich in den kommenden 19 Tagen in Doha jeden Tag auf meinen Schultern durch die Gegend tragen würde. Und mir blieben nur noch 5 kg Gepäck frei für meinen eigenen Bedarf. Mein lebenslanger Dank geht an den freundlichen Herren von Qatar Airways am Flughafen Berlin-Tegel, den ich eine Woche vor Abflug so lange bequatscht habe, bis er mir schließlich weitere 15 kg Freigepäck zugestanden hat. Sie sind ein guter Mann! Warum ich nicht einfach auf Kosten des Senders Übergepäck gebucht habe anstatt mir den Stress zu machen? Ganz einfach: Weil es verdammt egoistisch gewesen wäre.

14. Januar 2015, 21 Uhr: Abflug nach Doha. Gemischte Gefühle im Gepäck. Vorfreude und Verunsicherung. Spannung und Skepsis. Begeisterung und Besorgnis. So viele Fragezeichen. Nur eines ist klar: Es wird ein Abenteuer. Das spüren wir beide, Stefan und ich. Und so machen wir auf diesem Nachtflug kaum ein Auge zu. Wir müssten dringend ein paar Stunden schlafen, denn der folgende Tag würde es bereits in sich haben. Aber die Anspannung ist einfach zu groß. Endlich ist es soweit! 2 Jahre nach der Weltmeisterschaft in Spanien sind wir wieder unterwegs in gemeinsamer Handball-Mission.

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5 Uhr am nächsten Morgen. Landung in Doha, Qatar. Völlig übermüdet, aber innerlich aufgekratzt. Wir fühlen uns wie Geister und sehen wahrscheinlich auch so aus. Mein Equipment geht problemlos durch den Zoll. Erster Moment der Erleichterung. Zwei Stunden dauert die Fahrt vom Flughafen zum Hotel. Die Sonne scheint vom strahlend blauen Himmel. Ich kann ihre Wärme trotz Klimaanlage durch die Fensterscheiben des Busses spüren. Wir fahren die Al Corniche entlang, die Uferstraße von Doha. Rechts von mir kann ich das Meer sehen, links von mir riesige Wolkenkratzer. Erste Eindrücke von der Stadt, die in den kommenden drei Wochen mein Zuhause sein soll. Ich fühle mich wohl, es geht mir gut. Sonne, Meer und Handball – ich kann mir in diesem Moment nichts Schöneres vorstellen. Ich weiß nicht, wo ich zuerst hingucken soll, bin mächtig beeindruckt und bestaune wie ein kleines Kind das Stadtpanorama. Ein Gefühl, das mich den ganzen Tag begleiten sollte. Wir erreichen das Hotel und ich staune weiter. Noch nie zuvor hatte ich bei einem Turnier solch perfekte Arbeitsbedingungen gehabt. Unser Hotel liegt nur 150 m entfernt vom Team-Hotel der Nationalmannschaft. Kurze Wege für Interviews und Hintergrundgespräche. Mein Zimmer ist riesig. Ausreichend Platz, um dort 3 Wochen zu leben, zu arbeiten und zu schlafen. Ausreichend Platz für mein Equipment. Durch die riesige Fensterfront habe ich freien Blick auf das Meer. Dieser Anblick würde mich in den folgenden 19 Tagen jeden Morgen erwarten. Das Leben ist schön! Das gemütliche Bett lockt, aber es muss warten.

Es ist 7.30 Uhr. Wir waren die ganze Nacht unterwegs und sind bereit für Tag 1 der WM 2015. Frühstück im Hotel, danach die erste Besprechung mit dem Team von DHB Timeout. Während es für SPORT1 nur Stefan und mich gibt, bin ich hier Teil eines 7-köpfigen Teams. Zwei Kameramänner, ein Cutter, sogar eine Grafikerin ist dabei. Und die beiden Teamleader. Wir planen die erste Sendung aus Doha und ich genieße den Austausch, die Diskussion in der Gruppe und die gemeinsame Entwicklung von Ideen. Das Leben eines VJs kann manchmal ziemlich einsam sein – hier hingegen ist Leben in der Bude. Umso mehr, weil sich nur die Hälfte der Beteiligten vorher kannte. Der Rest ist – genau wie ich – nur für dieses Projekt dazu gestoßen. Wir müssen uns als Team erstmal finden, aber genau das macht es spannend. Um 12 Uhr beginnt der Medientag der deutschen Nationalmannschaft. Pressekonferenz mit Bundestrainer Dagur Sigurdsson, Teammanager Oliver Roggisch und DHB-Präsident Bernhard Bauer. Anschließend kommen die Spieler in die Lobby des Mannschaftshotels, Zeit für Einzelinterviews. Ich bin in meinem Element. Richte die Kamera ein, mache Weissabgleiche, drehe Schnittbilder, trage mein Stativ von einem Interviewpartner zum nächsten, ziehe die Schärfe, prüfe den Ton, stelle Fragen. Nach dem letzten Interview flitze ich mit meinem Equipment über die Straße in mein Hotelzimmer, schmeiße den Laptop an und fange an zu schneiden. Das Material muss so schnell wie möglich nach Ismaning zu SPORT1. Die Schnelligkeit einer Übertragung ist aber von vielen verschiedenen Faktoren abhängig.

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Das Material muss zuerst gesichtet und geschnitten, anschließend in das entsprechende Format konvertiert werden. In Echtzeit. 10 Minuten Interview bedeuten 10 Minuten Zeit zum Konvertieren. Anschließend muss das Material auf einen Server geladen werden. Wie schnell das geht, hängt entscheidend an der Internet-Verbindung. Die größte Abhängigkeit eines jeden VJs. Beim Anblick der Übertragungsgeschwindigkeit meines Internet-Anschlusses wird mir schlecht. Ein Interview braucht ungefähr eine Stunde, bis es schließlich auf dem Server in Ismaning liegt. Ich habe fünf davon. Plus die Pressekonferenz. Und komme zum ersten Mal ins Schwitzen. Was mir hilft, sind die zwei Stunden Zeitvorsprung im Vergleich zu Deutschland. Was mir im Nacken sitzt, ist die für 17.30 Uhr vereinbarte Abfahrt vom Hotel zur Eröffnungszeremonie in der Lusail Arena. Zwischendurch immer wie die Frage vom Timeout-Team, wann wir die Moderationen für die erste Sendung aufzeichnen können. Das wichtigste schaffe ich rechtzeitig, aber 2 Interviews müssen noch warten, damit ich pünktlich um 17.30 Uhr im Taxi sitze.

Zwar gibt es einen Media Shuttle, der uns von unserem Hotel bis in die Halle bringt, aber der soll zwei Stunden unterwegs sein bis in die außerhalb der Stadt gelegene Arena. Soviel zum Thema WM der kurzen Wege. Die Alternative Taxi erscheint uns sinnvoller. Was uns zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst ist: trotz großflächiger Plakatierung in der Stadt ist den Einheimischen das Thema Handball-WM offenbar fremd und die Lusail Arena so neu erbaut, dass der Taxifahrer keine Ahnung hat, wo wir hinwollen. Wir erreichen die Halle schließlich nach etlichen Umwegen und lautstarken Streitereien kurz vor 19 Uhr. Zum ersten Mal bin ich genervt. In wenigen Minuten startet die Eröffnungsshow der WM, die ich natürlich unbedingt sehen will, weil mir klar ist, dass sie Maßstäbe setzen wird. Wir müssen noch unsere Akkreditierungen abholen und ich habe zwei Interviews auf meinem Laptop, die die Kollegen in München seit einer Stunde erwarten. Ich spüre die Übermüdung, habe Hunger und bekomme Kopfschmerzen. Die Laune sinkt. Wenigstens bekommen wir schnell unsere Akkreditierungen. Die Organisation ist top. Als ich das Pressezentrum der Arena betrete, ist der kurzzeitige Ärger verflogen.

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Schon beim Medientag im Mannschaftshotel war die Wiedersehensfreude unter den deutschen Journalisten groß, hier geht es auf internationaler Ebene weiter. Ich begrüße Yuki aus Japan, Günther aus Österreich, Maria aus Dänemark, Zouzou aus Frankreich – Kollegen aus aller Welt, die ich seit vielen Jahren kenne und schätze. Ich liebe diese Ferienlager-Atmosphäre. Alle plappern aufeinander ein, tauschen Erfahrungen aus, geben Prognosen ab. Ich stehe mittendrin und fühle mich angekommen. Neben den vielen bekannten Gesichtern werde ich aber auch von Menschen begrüßt, die ich noch nie zuvor gesehen habe. „Hallo Anett“ rufen sie mir freundlich zu. Ich grinse zurück, schaue fragend   und bekomme die Erklärung. Es sind TV-Kommentatoren aus aller Welt, die mit unserem SPORT1-Signal die Bundesliga in ihre Länder übertragen. Mir wird die Strahlkraft der deutschen Liga bewusst und ich bin glücklich, hier zu sein – zwischen all den Gleichgesinnten. Schnell schließe ich den Laptop an, um die letzten beiden Interviews auf den Server zu laden und schon geht es los mit der Eröffnung. Stefan und ich sitzen auf der Pressetribüne und bekommen den Mund nicht mehr zu.

Alles an dieser Show ist unfassbar beeindruckend. Der Sound, das Licht, die Künstler, jedes einzelne Element – wir schauen uns immer wieder ungläubig an und schütteln die Köpfe. Wir fangen an zu lachen und können es nicht glauben. So etwas hatten wir beide noch nie bei einem Turnier gesehen und so etwas würde es auch so schnell nicht wieder geben. In diesem Moment sind wir beide gespannt, was uns in den kommenden Tagen noch alles erwartet. Gegen 22 Uhr machen wir uns auf den Rückweg ins Hotel. Nach den Taxi-Erfahrungen von der Hinfahrt setzen wir jetzt auf den Media Shuttle. 90 Minuten fahren wir von der Arena ins Stadtzentrum quer durch die Wüste. Bis auf ein paar Baustellen ist nichts um uns herum. Es ist still im Bus. Alle sind müde und hängen ihren Gedanken nach. Auch ich komme zum ersten Mal zur Ruhe. Vor 25 Stunden bin ich in Berlin in das Flugzeug gestiegen, seitdem ist alles an mir vorbei gerast. Ich versuche, meine ersten Eindrücke einzuordnen, bleibe bei der Eröffnungsshow hängen und stelle fest, dass sie in zweierlei Hinsicht einzigartig war. Sie hatte mich zwar beeindruckt, aber nicht emotional berührt. Ich bin eigentlich jemand, der bei solchen Shows sofort Pipi in den Augen hat. Hier war nichts dergleichen passiert. Die Show hatte mich optisch und akustisch fasziniert, aber nicht mein Herz erreicht. Seelenlos ist das Wort, das mir durch den Kopf schießt, als ich endlich im Bett liege. Ich weiß, dass ich schlafen muss, aber es gelingt mir nicht abzuschalten.

Der erste Gedanke des nächsten Morgens gilt dem Tagesplan. Und sofort treten die Sorgen in den Vordergrund: Schaffe ich das alles? Das Programm ist knackig: eine Sendung DHB Timeout, Kretzsches Tagebuch, ein Aufsager für SPORT1 mit den letzten Infos, 19 Uhr Anwurf zum ersten WM-Spiel unserer Mannschaft, Interviews für SPORT1, eine weitere Sendung Timeout und Stefans WM-Kolumne. Bekomme ich alle Punkte koordiniert und schaffe ich es, auch inhaltlich meinen Ansprüchen gerecht zu werden? Die schlechte Laune verfliegt, als ich die Vorhänge aufziehe und mir die Sonne ins Gesicht scheint. In der Ferne glitzert das Meer und ich werde ruhiger. Stefan hätte seine Freude gehabt an dieser Szene. Er sagt mir immer wieder, dass ich zu viel nachdenke und mir zu viele Sorgen mache, anstatt mir einfach zu vertrauen. Ich weiß, dass er Recht hat und nehme dieses Gefühl mit in den Tag. Aber auch heute geht es Schlag auf Schlag.

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Nach dem Frühstück zeichnen wir die aktuelle Timeout-Sendung auf. Wir haben Uwe Gensheimer zu Gast und ich genieße die redaktionelle Freiheit bei der Gesprächsführung. Aber es beansprucht mehr Zeit, als ich vorher gedacht hätte und bringt mich zum ersten Mal an diesem Tag in Verzug. Wir starten verspätet ins Stadtzentrum, um Stefans erstes Tagebuch zu produzieren. Mir sitzt die Zeit im Nacken, aber ich versuche, Ruhe auszustrahlen. Hektik ist nicht sonderlich förderlich für das Arbeitsklima. Wir laufen durch den Business District von Doha, bleiben vereinzelt stehen und zeichnen kurze Moderationen auf. Stefan erzählt, wann immer ihm etwas einfällt und ich drehe. Zwischendurch schaue ich mich um und mir schießt das Wort von gestern Nacht wieder in den Kopf: seelenlos! Alles, was ich sehe, löst genau dieses Gefühl in mir aus. Ich sehe kaum Autos oder Menschen auf der Straße, am hellichten Tag mitten im Geschäftsviertel. Ich blicke an den beeindruckenden Fassaden der Wolkenkratzer hoch und stelle fest, dass viele von ihnen leer stehen. Und ich frage mich: Wo ist das Leben hier in dieser Stadt? Bevor ich den Gedanken zuende führen kann, bin ich schon wieder auf dem Rückweg ins Hotel. Wir haben alle Takes im Kasten, jetzt muss das Tagebuch geschnitten werden. Ich komme gut voran und hole die verlorene Zeit vom Vormittag wieder auf. Während das fertig geschnittene Tagebuch bei youtube hochlädt, schnappe ich mir meine Kamera, baue sie vor dem Mannschaftshotel auf dem Stativ auf, stelle mich davor und drücke auf Record. Eine Minute lang spreche in die Kamera und berichte von den letzten Vorbereitungen im Team vor dem Auftaktspiel gegen Polen. Ich brauche mehrere Anläufe, bin unkonzentriert, habe zu viele Dinge gleichzeitig im Kopf. Als ich fertig bin, ist es kurz vor 17 Uhr. Ich renne zurück in mein Zimmer, stelle erleichtert fest, dass das Tagebuch hochgeladen ist und freigegeben werden kann, packe in Windeseile mein Equipment zusammen und flitze wieder runter zum Bus, der uns die Halle bringt. Während der Fahrt schneide und konvertiere ich meinen Aufsager, um ihn im Pressezentrum direkt auf den Server zu schieben. Pünktlich zur Nationalhymne stehe ich neben Stefan auf der Pressetribüne.

So sehr ich arbeitstechnisch unter Strom stehe, so entspannt bin ich in Bezug auf das Sportliche. Viele der Kollegen hatten Sorgen vor dieser ersten Partie gegen Polen. Faktisch völlig zu Recht, denn schließlich hatte Deutschland gegen eben diese Mannschaft im Juni die Quali-Spiele verloren. Im Gegensatz zu den meisten anderen bin ich zuversichtlich und behalte zum Glück Recht. Ich sehe ein Spiel, das mich begeistert. Ich sehe eine Mannschaft, die zusammensteht. Und einen Trainer, der einen Plan hat. Beschwingt und optimistisch mache ich mich kurz vor Ende der Partie auf den Weg in die Mixed Zone, baue meine Kamera auf und sehe die letzten Minuten dort unten auf dem Monitor. Sieg! Erleichterung! Optimismus! Gute Gefühle zum Auftakt in dieses Turnier. Ich führe Gespräche für SPORT1, zeichne eine Moderationsstrecke für Timeout auf, gehe zurück an meinen Arbeitsplatz und schneide die Interviews. Während das Material konvertiert, zeichnen wir den letzten Moderationspart für die zweite Sendung Timeout des heutigen Tages auf. Effektives Zeitmanagement. Während die Interviews auf den Server laden, führen Stefan und ich das Hintergrundgespräch für seine WM-Kolumne. Danach ist Feierabend und es geht zurück ins Hotel. Heute falle ich sofort in einen festen Schlaf.

Die folgenden Tage gleichen sich in den Abläufen. Jeder Tag ist straff durchorganisiert. Ich arbeite meine Punkte ab und stoße manchmal an Grenzen. Aber für alles findet sich eine Lösung. Von Tag zu Tag gelingt die Koordinierung der einzelnen Aufgabenbereiche einfacher und ich finde mich in der Stadt immer besser zurecht. Ich gewöhne mich daran, meinen Pass immer dabei haben zu müssen, weil ich sonst möglicherweise keinen Zutritt in ein Restaurant oder eine Bar bekommen würde. Ich gewöhne mich daran, dass es durchaus Taxifahrer gibt, die sich von einer Frau nicht sagen lassen, wohin sie fahren sollen und bitte lachend Stefan, das Ziel zu wiederholen. Ich gewöhne mich daran, dass es Orte gibt, an denen ich ohne Drehgenehmigung keine Bilder machen darf. Und ich gewöhne mich auch daran, dass es bei all der vorbildlichen Organisation auch mal Momente gibt, in denen plötzlich niemand mehr weiß, was los ist oder willkürlich Regeln geändert werden. Ich werde gelassener. Auch dank Stefan. Er rüttelt mich wach, wenn ich die Nerven verliere, hält mir den Spiegel vor und holt mich zurück auf den Boden. Zum anderen denke ich an die Mannschaft, die nur 150 m von uns entfernt ist und ich mache mir bewusst, welcher Druck und welche Belastung auf deren Schultern liegt. Wenn die Jungs das schaffen, mache ich meinen Kleinkram doch mit links, denke ich in diesen Situationen. Beides hilft mir und ich fange langsam an, den starren Tunnelblick abzulegen und auch mal nach links und rechts zu schauen.

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Ich verbringe zwei tolle Vormittage auf dem Souq, dem ältesten Markt Dohas. Wir zeichnen dort Moderationen für die Timeout-Sendung auf, einige Tage später bin ich nochmal mit Stefan da, um sein Tagebuch zu drehen. Und ich stelle fest: Es gibt durchaus Leben in dieser Stadt. Hier finde ich die Menschen, die Atmosphäre, die Gerüche, über die ich im Vorfeld so viel gelesen hatte. Hier tauche ich ein in die arabische Lebenskultur und fange an, Vorurteile abzubauen. Ich begegne offenen und freundlichen Menschen, die sich für unsere Arbeit interessieren. Natürlich fallen wir auf: ein kleiner blonder Zwerg mit einer Kamera auf der Schulter und ein großer blonder tätowierter Kerl mit einem Mikrofon in der Hand. Aber wir stoßen hier nicht auf Ablehnung, ganz im Gegenteil. Ich fühle mich als Frau zu keinem Zeitpunkt unwohl und komme nicht in die Situation, mich verhüllen zu müssen. Stattdessen erlebe ich eine skurrile Szene. Für Timeout wollen wir eine deutsch-arabische Moderation aufzeichnen und finden einen Mann, der mitmacht. Wir stehen beide zusammen vor der Kamera und wollen gerade anfangen, als seine Frau um die Ecke schießt. Komplett verhüllt von oben bis unten, aber tobend vor Wut. Sie hat eindeutig etwas dagegen und wir brechen schließlich ab. Von Unterdrückung der Frau ist – zumindest in dieser Situation – nicht viel zu spüren.

Ich stelle fest, dass viele Dinge in einem anderen Licht erscheinen, wenn man sie vor Ort mit eigenen Augen sieht und umso empfindlicher reagiere ich auf die eine oder andere Diskussion, die in Deutschland losgetreten wird. Einiges empfinde ich sogar als heuchlerisch. Nehmen wir die Diskussion über leere Hallen, weil es ja in Qatar keine Handball-Tradition gibt. Erstens: Natürlich gibt es die nicht. Woher soll die auch kommen in einem Land, das selbst erst einige hundert Jahre alt ist? Gebt ihnen doch die Möglichkeit, Tradition zu entwickeln. Die eigentliche Arbeit beginnt doch erst jetzt in Qatar. Jetzt wird es darum gehen, ob man in der Lage ist, eine gewisse Nachhaltigkeit zu erzeugen. Gebt ihnen doch zumindest die Möglichkeit, den Beweis anzutreten. Und zweitens: Ich erinnere mich an Weltmeisterschaften in Schweden und Spanien, wo die Tribünen auch leer waren, wenn nicht gerade der Gastgeber spielte. Beides Länder mit großer Handball-Tradition.

Thema Gastgeber: Natürlich ist auch mir eine Nationalmannschaft Qatars nicht sonderlich sympathisch, in der Spielern aus aller Welt eine doppelte Staatsbürgerschaft verpasst wird. Natürlich hat das nichts mit dem ursprünglichen Gedanken einer Nationalmannschaft zu tun. Aber der Verband tut doch nichts Verbotenes. Er nutzt nur die Regularien, die der Weltverband IHF vorgibt. Wenn also über dieses Model geschimpft wird, dann bitte über die IHF und nicht über den qatarischen Verband. Und schon gar nicht über die Spieler, die sich auf dieses Modell einlassen. Jeden einzelnen kann ich verstehen. Wenn du als Handballer die Möglichkeit hast, mit einem Schlag bis an dein Lebensende finanziell auszusorgen und deiner Familie eine gute Zukunft zu ermöglichen, dann kann ich niemanden dafür verurteilen, der diese Entscheidung trifft. Ich denke in diesem Zusammenhang auch darüber nach, wie hoch der Preis für mich sein müsste, um dauerhaft in diesem Land zu arbeiten und zu leben und stelle fest, dass ich es mir kaum vorstellen kann. Aber jeder, der die Spieler der qatarischen Nationalmannschaft für ihre Entscheidung verurteilt und eine Diskussion über Moral und Ehre anstiftet, der sollte erst einmal vor seiner eigenen Haustür kehren und sich die Frage stellen, wie er selbst bei so viel Geld reagieren würde. Aus der Distanz lassen sich immer leicht Urteile fällen. Umso dankbarer bin ich, dass ich selbst vor Ort bin, mir ein Bild machen kann und die Chance habe, mich mit allen Punkten direkt auseinander zu setzen. Diskussionen dieser Art gibt es einige in dieser Zeit. Sie beschäftigen mich, aber es gelingt mir schließlich, mich auf das zu konzentrieren, was wichtig ist: Meine Arbeit vor Ort.

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Das Turnier verläuft besser als zuvor erwartet. Deutschland wird Gruppenerster, gewinnt auch das Achtelfinale und zieht ins Viertelfinale ein. Und trifft dort ausgerechnet auf den Gastgeber Qatar. Es ist der 28. Januar. Ich bin seit 14 Tagen in Doha und habe meinen ersten freien Vormittag. Ich freue mich auf ein paar entspannte Stunden in der Sonne, aber ich bin völlig aufgewühlt. Kann ich die freie Zeit nicht genießen, weil ich 14 Tage unter Dauerstrom stand? Oder beschäftigt mich das Viertelfinale? Mir kommt ein Gespräch mit den österreichischen Spielern in den Kopf, das zwei Tage zuvor in der Sportsbar stattgefunden hatte. Am Abend, nachdem Österreich das Achtelfinale gegen Qatar verloren hatte. Die Spieler waren der festen Überzeugung gewesen, dass es in dieser Partie nicht mit rechten Dingen zugegangen war. Ich frage mich: Kann uns das heute auch passieren? Ich bin mir sicher, dass wir diese Mannschaft sportlich schlagen können, denke aber über Verschwörungstheorien und den Lockruf des Geldes nach. Und ärgere mich über mich selbst, dass ich meine freie Zeit mit solchen Gedanken verschwende. Immer wieder nehme ich mein Buch zur Hand und versuche, mich zu entspannen. Aber es gelingt mir nicht. Die Anspannung vor dem Viertelfinale ist zu groß. Und das schlechte Gefühl bleibt. Am Abend dann die bittere Gewissheit. Verloren. Ausgeschieden. Traum vorbei.

Ich stehe in der Mixed Zone und bin leer. Ich schaffe es nicht zu lächeln in der heutigen Timeout-Sendung, es fühlt sich falsch an. Als ich Uwe Gensheiner für SPORT1 interviewe, merke ich, wie sich meine Augen mit Wasser füllen. Ich schlucke das Gefühl runter und mache weiter. Natürlich bin ich enttäuscht. Nicht von der Mannschaft. Nur darüber, dass an dieser Stelle Schluss ist. Natürlich hatte ich von mehr geträumt. Dafür bin ich viel zu sehr Fan dieser Sportart. Ich bin traurig. Aber auch stolz. Auf das, was die Mannschaft bis hierher geleistet hatte. Heute konnten die Jungs einfach nicht die Leistung der vorherigen Spiele abrufen. Während ich meine Gefühlswelt ordne, brennt im Netz bereits die Schiedsrichterdiskussion. Ich verstehe sie, teile die Meinungen aber nicht. Ja, es gab fragwürdige Pfiffe, über die man diskutieren kann. Ja, bei der Auslegung von Stürmerfoul und Zeitspiel wurde mit zweierlei Maß gemessen. Zwei Sachen sind aber für mich in dem Moment entscheidend. Erstens: Diese Pfiffe haben nichts entschieden, sondern die Tatsache, dass Deutschland einfach nicht ins Spiel gekommen ist. Und zweitens: Diese Pfiffe entsprechen dem üblichen Gastgebervorteil bei jedem Turnier. So ist Spanien 2013 Weltmeister im eigenen Land geworden und wir 2007. Daraus die nächste Verschwörungstheorie zu basteln und von Schiedsrichterbestechung zu sprechen, ist mir zu einfach. Natürlich werden auch wir vor Ort mit diesen Gerüchten konfrontiert, sprechen darüber, fragen uns, ob da was dran sein könnte. Aber niemand kann das journalistisch eindeutig mit ja beantworten.

So bleiben es Gerüchte, die uns den restlichen Turnierverlauf begleiten und über die ich bis heute nachdenke. Genauso wie über die Frage, ob es mir in Qatar gefallen hat. Ich kann das bis heute nicht abschließend beantworten – erst Recht nicht kurz und knapp. Zu viele Facetten spielen in diese Frage mit rein und selbst in diesem Erfahrungsbericht sind nicht alle genannt. Die Situation der Gastarbeiter beispielsweise kann ich bis heute nicht einschätzen. Weil mir bei all der Arbeit schlichtweg die Zeit gefehlt hat, mir selbst ein Bild von den Arbeitsbedingungen zu machen und mit den Betroffenen zu sprechen. Wie soll ich mir also ein Urteil erlauben können? Was ich beurteilen kann, sind meine eigenen Erfahrungen. Und klar ist am Ende nur eines: Diese Stadt, diese WM, dieses Land, all die menschlichen Kontakte haben meinen Horizont erweitert. Keine dieser Erfahrungen möchte ich missen. Ich freue mich über Frankreich als Weltmeister und schaue optimistisch in die Zukunft des deutschen Handballs. Und ich sollte einen Schlussstrich unter meine Zeit in Qatar ziehen.

Den Koffer im Flur auszupacken wäre ein Anfang… ;-)

Geschrieben von Anett Sattler

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7 Kommentare

  1. Ein sehr ausführlicher und interessanter Einblick in die Arbeitswelt und -weise. Vielen Dank dafür.

    Ich frage mich allerdings, wie man zwischen dem (PR-) Magazin eines Handballverbandes und der journalistischen Arbeit für einen Sportsender so einfach hin- und herswitchen kann. Wird hier nicht eine Grenze zwischen PR und Journalismus übertreten, die eigentlich ziemlich sinnvoll ist, damit unkritische und kritische Berichterstattung klar getrennt sind?

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  2. Ja, Klaas…da hast du Recht. Ein wichtiger Punkt, über den ich auch lange nachgedacht, den ich hier aber nicht beleuchtet habe. Die Vermischung von PR und Journalismus und die damit verbundene Frage der Glaubwürdigkeit. Ich habe es zur Voraussetzung für meine Zusage bei Timeout gemacht, dass ich Fall des sportlichen Misserfolges dieselben kritischen Fragen stellen kann, die ich auch als Journalistin stellen würde. Letztlich hat es uns die Mannschaft mit ihrer Leistung einfach gemacht, aber ich gebe dir Recht, dass diese Konstellation gewisse Intressenskonflikte mit sich bringt.

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  3. Hallo Anett,
    Ich bin ein großer Fan Deiner Arbeit, und das nicht nur als begeisterter Handballer und Handballinteressierter, sondern ebenso was Deine journalistischen Qualitäten angeht. Das Pensum, das Du in Katar abgerissen hast, ist der reine Wahnsinn, für mich als Außenstehender ist es unglaublich, dass Du das alleine gestemmt bekommen hast. Du bist gewissermassen Vorbild für mich, denn ich habe das Gefühl, dass Du Deine Arbeit mit einer unheimlichen Leidenschaft ausübst, die Dir wohl auch die Kraft dazu verleiht, so ein Programm durchzuhalten. Mach weiter so, denk aber auch ab und zu an Dich, Deine Gesundheit und den hoffenlich nicht zu kurz kommenden Spaßfaktor :).

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  4. Große Klasse! Auch in sprachlicher Hinsicht, liest sich wahnsinnig flüssig und vermittelt trotz der Länge eine Menge Kurzweil. Vom Informationsgehalt brauche ich ja nicht erst anfangen.

    Es ist beeindruckend, wie vielschichtig und arbeitsintensiv die Aufgaben waren. Respekt, wirklich. Das sieht nach unheimlich viel Selbstorganisation aus, nach langen Tagen und kurzen Nächten. Von außen erkennt man das Endprodukt, aber die Hintergründe, die Vor- und Nachbereitung, die ganze Basis kommt erst durch so einen Text zum Vorschein.

    Da kann man sich nur bedanken, dass Sie sich die Zeit genommen haben, das Ding in seiner ganzen Ausführlichkeit zu schreiben. Nochmals: Respekt!

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  5. Beim Lesen dachte ich die ganze Zeit über einen „angemessenen“ Kommentar nach, aber jetzt bin ich fast sprachlos… Auch ich bin Fan Deiner Arbeit, auch wenn ich mich frage ob ich „Sie“ duzen sollte/darf, ich tues mal weils sich einfacher schreibt! Ich habe alle Beiträge der WM die Du „gedreht, produziert, geschnitten, konvertiert…“ hast verfolgt, weil die Arbeit und Leistung welche Du investiert hast darin sichtbar wird und für mich als Fan dieser Sportart sehr wertvoll ist. Denn so bekomme ich einen Eindruck von der „Handballwelt“ die ich so liebe, auch neben dem reinen Spiel. Nicht nur danke dafür sondern auch dafür, das es mir durch diesen Bericht möglich ist, den sehr sympathischen Menschen, der hinter all der Arbeit steckt, besser kennen lernen zu dürfen… ach und die Idee von Deinem Twitteraccount („Du solltest ein Buch schreiben“) kann ich nur unterstützen, kanns aber leider nur kaufen nicht vermarkten :-)

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