Premiere auf der Pressetribüne: Stars in der Manege

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Das 8:0-Schlachtfest des FC Bayern gegen den HSV erlebte Johannes Mittermeier aus ungewohnter Perspektive. An- und Einblicke des ersten Tages auf einer Pressetribüne.

Es muss das sechste Bayern-Tor gewesen sein, das die beiden Kollegen zu meiner Linken kapitulieren ließ. Während ringsum die Stimmung tobte, mummelten sie sich noch weiter in ihr Wintergewand, Hände in die Taschen, Schal unter die Nase. Wie bei einem Synchron-Wettbewerb im Wasserspringen plumpsten ihre Rücken an die Sitzlehnen, ein bärbeißiges Schnauben, Eiszeit in der Eiseskälte.

Ich wollte nicht Falsches sagen, schon gar nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig. Pietät fußballerischer Art. Stadionsprecher Stephan Lehmann zelebrierte den Schützen, 75.000 Anhänger feierten mit, ich beschränkte mich auf ein Wort: „Sorry“. Die Kollegen drehten den Kopf, und siehe da: ein Lächeln. Gequält zwar, aber immerhin. Ist doch nur Fußball.

Da sage noch einer, Pressetribünen würden in einem emotionalen Vakuum lungern. Okay, in diesem Fall waren meine Platznachbarn wohl auf direktem Dienstweg mit dem Hamburger SV verwoben; und wenn nicht direkt, dann durch ein norddeutsches Medium mit Fan-Einschlag. Als Mario Götze schließlich das 8:0 erzielte, befreiten sich die HSV-Sympathisanten aus ihrer Zwangsstellung, ich wünschte gute Fahrt und saß freilich dem Irrtum eines Anfängers auf: Zehn Minuten später traf man sich in der Mixed Zone wieder.

Laienhafte Züge hatte auch meine nicht vorhandene Februar-Ausrüstung. „Zusammen mit einem Diktiergerät die wichtigste Anschaffung eines Journalisten“, schmunzelte Spox-Reporter Andreas Lehner und wedelte mit fingerfreien Handschuhen. Ganz der Profi.

So war es allenfalls glückliche Fügung, dass ich nicht fürs Simultan-Schreiben auf die Pressetribüne entsandt wurde. Allerdings auch nicht, um Gefühlsregungen zu offenbaren (abgesehen vom Bibbern in der Tiefkühltruhe Allianz Arena). Die beiden HSVer schoben Frust, ich hätte die Kehrseite verspüren können. Doch immer wenn Musik aus den Boxen dröhnte und rot gekleidete Menschen in die Horizontale gingen (achtmal), notierte ich mir ungerührt Torschütze samt Torminute. Ganz der Profi? Sicher nicht. Aber probieren sollte man es.

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Nein, was könnte nicht alles schiefgehen!

Erstmals durfte ich ein Bundesligaspiel offiziell als Medienvertreter verfolgen, Eurosport ermöglichte es. Als ich auf der Tribüne eintraf (nach einer Tour durch knalloranges Ambiente), war der Block verwaist. Aber wer das Prozedere noch nie abgespult hat, baut lieber ein Sicherheitspuffer ein. Die gähnende Leere an den Pulten und Tischen hatte den Vorteil, dass ich mit einem Ordner plaudern konnte. Er war ein sehr netter Mann, ich nannte ihn Uwe, und ich erzählte Uwe, wie man als Praktikant in den Genuss einer Akkreditierung gelangte.

„Du wärst der Erste, der das Angebot ausschlägt“, hatte mir Thomas Janz, Chefredakteur Neue Medien Eurosport, sinngemäß zugeraunt. Ja, „das Angebot“, von der Partie Bayern gegen Hamburg berichten zu dürfen, war verlockend, aber gleichermaßen mit vielen Unwägbarkeiten verbunden. Leider gehöre ich zur Gattung Mensch, die Dinge, die sie nicht kennt oder nicht einschätzen kann, zunächst ablehnt. Dann kreist die Gedankenwelt um etliche Szenarien, doch das Dumme ist, dass diese ausschließlich negativ konnotiert sind. Was nicht alles schiefgehen könnte! Ladekabel vergessen, Eingang verpassen, Guardiola-Taktik fehlinterpretieren. In der Masse versinken, ergebnislos bleiben, überfordert sein.

Oft machen sich solche Menschen das Leben unnötig schwer, und wenn ich „oft“ sagte, meine ich: sehr oft. Auf der anderen Seite braucht diese Spezies keine Sammer‘schen Demut-Predigten. Der notorische Pessimist erwartet schließlich nicht, dass auch nur irgendetwas so klappt, wie es klappen könnte. Also kann es am Ende nur gut werden, oder zumindest besser als angenommen. Logisch, nicht wahr!?

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Trotzdem zögerte ich, das Angebot anzunehmen, wohlwissend um die Anzahl der Freunde, die mich darum beneiden würden. Freitag sagte ich zu. Weil es natürlich grober Unfug wäre, diese Chance verstreichen zu lassen.

Der rauchende Béla Réthy

Meine größte Sorge drehte sich um den Umstand, die Vor-Ort-Berichterstattung alleine deichseln zu müssen. Da war es ein Segen, dass ich neben Ordner Uwe auf Kollege Olli traf. Der wirklich so hieß. An diesem Punkt bog die Story auf eine Straße, die für einen Skeptiker kaum zu glauben ist. Olli kam im Auftrag von Goal, das wiederum zur Perform Group zählt, genau wie Spox, wo ich letztes Jahr für sechs Monate arbeitete. Passender- wie lustigerweise besteht die Sitzordnung in der Allianz Arena aus den Klassenstrebern Eurosport-Goal-Spox. Kurz vor Spielbeginn erschien Kollege Lehner; zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Feinmotorik meiner Fingerkuppen längst verabschiedet.

Olli war deutlich tougher. Entweder, weil er die Erfahrung eines Live-Einsatzes bei Bayern mitbrachte. Oder weil er aus Trier stammt. Jedenfalls hatte er eine Analyse zu schreiben, die quasi mit Schlusspfiff fertig sein sollte. Ohne Handschuhe tippte Olli, mit Handschuhen fröstelte ich. Meine Vorgabe bestand nicht in einem detaillierten Spielbericht, sondern darin, einen oder zwei Nachdrehs zu verfassen, die auch das Davor und Danach inkludieren – nicht nur die eineinhalb Stunden am Samstag.

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Wir hockten in der letzten Tribünenreihe des Unterrangs, mit perfekter Sicht aufs Feld. Hinter uns waren Rollstuhlfahrer platziert, davor weitere Medienschaffende, die dem gemeinen Sportkonsumenten durchaus geläufig sein könnten; Christian Ortlepp (Sport1) und Jörg Althoff (BILD) etwa. Zu unserer Rechten saß kicker-Legende Karlheinz Wild, und in der Halbzeit erspähte ich, wie ZDF-Mann Béla Réthy eine Zigarette qualmte. Alle waren sie da.

Und ich mittendrin. Seltsamerweise fühlte sich das sehr schnell sehr normal an. Das soll bitte nicht den Eindruck erwecken, dass Greenhorn Mittermeier übermütig geworden ist. Aber ich würde lügen, wenn ich von Distanz schwadronieren würde. Die Routiniers spielten ihre Vorzüge ja allein dadurch aus, dass sie um circa 15:23 Uhr aufkreuzten. Da froren Olli und ich schon über eine Stunde bei Gefrierfach-Temperaturen…

Kampf den Wortfetzen

1:0 Müller, 2:0 Götze, 3:0 Robben. Ich registrierte es sachlich. 4:0 Robben, 5:0 Müller (sofortige Assoziation: USA-Tor bei der WM), 6:0 Lewandowski. Linksbündige HSV-Kollegen zwischen Enttäuschung, Verzweiflung, Wut. 7:0 Ribéry. 8:0 Götze. Wärmer war es nicht geworden.

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Besondere Würze, so hatte ich mir vorher ausgemalt, würde die Mixed Zone enthalten. Das ist jener Ort, wo Spieler auf Journalisten treffen, schlaue Sachen sagen sollen, aber es selten tun. Als Außenstehender haben viele eine unergründlich-unbegründete Scheu vor den berühmten Fußballstars, die man sowieso nie aus der Nähe sieht. Das würde sich nun ändern. Also doppelte Ehrfurcht? Nein. Denn im Pulk der Kameras, Notizblöcke und Aufnahmegeräte wird auch diese Disziplin rasch zur Prämisse, etwas Stichhaltiges aufgreifen zu wollen/sollen/müssen. Als Robert Lewandowski und Holger Badstuber auftauchten, drängelte ich munter mit, um Wortfetzen zu konservieren. Die Fernsehvertreter (beispielsweise Torben Hoffman von Sky) stellten meist die Fragen, der Rest lauschte und kritzelte und speicherte.

Während Badstuber philosophierte, schlenderte Matthias Sammer vorbei, Pep Guardiola grinste verschmitzt, David Alaba schulterte die Kopfhörer und schwieg dennoch. Spannend auch, wie die Hamburger auf die Schmach reagierten. Beim Statement von  Trainer Joe Zinnbauer war ich beinahe in Reihe eins, und als Dietmar Beiersdorfer in einem fünfminütigen Monolog nach Worten wie Erklärungen fahndete, bekam ich einen schweren Arm. Dafür waren starke Zitate dabei; als „beschämend“ bezeichnete der HSV-Boss die Pleite.

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Am Münchner Ostbahnhof brachte ich die O-Töne zu Papier (recht abenteuerlich in einer Café-Ecke mit Stöpsel im Ohr und Croissant im Mund), während der Zugfahrt entstand je ein Bayern– und ein Hamburg-Text.

Der Tag war erlebnisreich verlaufen, zum Erstaunen meinerseits sogar erfolgreich. Wiederholung gerne erwünscht.

Pessimist müsste man sein…

Geschrieben von Johannes Mittermeier

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