#SkySL – Wo der Kunde Kommentator ist!

Jahrelang verstaubte das Sky-Format Samstag LIVE! in fahlen Gemäuern. Notdürftigen Pinselarbeiten mangelte es an Farbe und Substanz. Vor dieser Saison wurde der Call-In-Show erneut ein frischer Anstrich verpasst, aber diesmal mit Bedacht. Und mit Malermeistern, die etwas von ihrem Handwerk verstehen. Wir würdigen.

Und dann, als das Geschwätz in vollem Gange war, holte Lisa Heckl aus. Dynamisch aus der Hüfte, mit durchgeschwungenem Schussbein, geradezu „ansatzlos“, wie der Fußballkommentator schwärmen würde. Das Runde war im Runden, endlich. Am 31. Spieltag der Saison 2013/2014 notierten die verdutzten Statistiker das erste Saisontor.

Ein Volltreffer. An der Waschmaschine. Der feuchte Traum einer jeden Hausfrau.

Das Einzige, was zur Glückseligkeit fehlte, war die ungefilterte Aufmerksamkeit in der Sekunde der Sensation. Das machte Social Lisa mit ausgebreiteten Armen deutlich. Prompt spulte die Stadionregie eine Palette Wiederholungen aus verschiedenen Perspektiven ein. Die Emanzipation der Frau hatte ein neues Niveau erreicht, und mit ihr multiplizierten sich die virtuellen Liebkosungen. Jetzt traf sie auch noch.

Die Waschmaschine als Mahnmal

Und zwar bei Samstag LIVE! Das ist ein Format aus dem Hause Sky, das, Überraschung, am Samstag ausgestrahlt wird und, Überraschung, LIVE! ist. Von 21 Uhr bis Mitternacht. Mindestens. Denn meistens „hängen“ sie in den Seilen wie Axel Schulz zu seinen besten Zeiten. Doch dazu später mehr.

Die Waschmaschine ist Mahnmal und Erkennungssymbol. Sofern der vornehme Fremde nicht über deren Arithmetik informiert ist, nachfolgend eine geraffte Anleitung: Im Grunde ist es dasselbe wie im ZDF. Nur cooler.

Die altmodische Torwand mit den zwei Löchern und sechs Versuchen wird durch ein zeitgemäßes Modell ersetzt. Der Ball durch einen, nun ja, Ball. Zur Tat schreitet nicht die Fußballprominenz, die sich höchstens blamieren kann, und ein YouTube-Kandidat, der im Video exklusive Dinge vollführt, die in der Sendung exklusiv bleiben.

Nein, bei SL! schießt die Fußballprominenz der Altersklasse 35 plus, die froh um eine Plattform zur Demonstration ihrer Künste ist. Und es schießen die Moderatoren. Die Idee dazu kam übrigens von einem Freund der Mods Leopold & Wagner.

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#HalloHallo – Es geht auch mal verrückt zu :)

 

Es ist goldig, wenn Stefan Hempel, ein Nürnberger vor dem Herrn, ungeniert die Pike bemüht. Wenn Rollo Fuhrmann die Filzkugel mit sonorer Stimme hypnotisiert: #Hallohallo!? Wenn Thomas Wagner den Torabschluss so gekonnt ausführt wie sein Leib – und Magenklub. Wenn Michael Leopold heimliche Übungsstunden einlegt, um in der On-Air-Situation alle Sinne beisammen zu haben.

In den seltenen Fällen des Misserfolgs gibt es Trost durch Lisa Heckl, Trost durch gekühltes Bier und, bei akuter Melancholie, Trost durch Kollege Wagner.

Michael Leopold und Thomas Wagner ergänzen sich nicht. Überhaupt nicht. Taten sie nie und werden sie nie. Es ist viel besser. Sie gelangen in Ballbesitz, ohne Foul zu spielen. Sie setzen zum Alleingang an, ohne den Mitspieler zu ignorieren. Sie vollstrecken egoistisch und doch uneigennützig.

Als Wagner und Fuhrmann krankheitsbedingt fehlten, sprang Sky-Sport-News-HD-Moderator Gregor Teicher ein. Seine Sache erledigte er prima. Um nicht zu sagen: Giga!

Ansgars Anekdoten

Überhaupt gehören SSNHD-Vertreter zu den Stammgästen der Show. Angenehm unaufgeregt, angenehm zurückhaltend. Damit stehen sie exemplarisch für die Generalüberholung, die Profilneurotiker ins Abseits drängt. SL! ist locker, SL! ist frisch, SL! ist modern. Und SL! ist interaktiv, schafft jedoch den Spagat, bei seinem Freundeskreis auf penetrante Facebook-Anfragen verzichten zu können.

So bereichert das „Who is Who“ (zu deutsch: „Wer ist wer?“) des Bundesligageschehens die schmucke Sendung: Lotto King Karl erscheint regelmäßig zu spät, um 6 aus 49 zu prophezeien, beschränkt sich stattdessen auf die HSV-Hoffnung, 3 aus 18 hinter sich zu lassen.

Ansgar Brinkmann erzählt Anekdoten von Kneipentouren, Nichtabstiegsfeiern, Übersteigern, Kneipentouren, Nichtabstiegsfeiern und Arminia Bielefeld. Bei Jörg Stiel weiß bis heute niemand, wie er an diesen Job gekommen ist, er selbst vermutlich am wenigsten. Aber das macht ja nichts, Stiel ist schließlich Schweizer. Das muss als Daseinsberechtigung reichen.

Des weiteren gewährt Olaf Thon via Skype tiefe Einblicke in Gelsenkirchner Wohnstuben, und Claudia Effenberg claudiaeffenbergt in der Gegend herum. Was sie, zugegebenermaßen, ziemlich gut beherrscht.

Vorbei sind sie, diese düsteren Zeiten, als der deutsche Meister noch Borussia Dortmund hieß und das lebenswichtigen Organ von Samstag LIVE! in einer Herzrhythmusstörung pocherte. Im Sommer 2013 wurde der darbende Patient von der Ambulanz in die Notaufnahme geschoben. Mit Tupfer, Skalpell und Rollo Fuhrmann werkelten die Chirurgen am Erscheinungsbild. Es funktionierte.

Nach den kosmetischen Eingriffen gleicht das Studio einer gemütlichen WG-Landschaft. Esstisch, Sofa-Ecke, Küchenzeile – eine Location wie eine Kuscheloase. Kein Wunder, dass Matthias Sammer die Sendung streng meidet.

Bei Samstag LIVE! ist der Kunde König. Und Konsument. Und Kommentator. Und um die einladende Junggesellenbude noch authentischer zu gestalten, wird zu vorgerückter Stunde – weghören, liebe Kinder – Alkohol ausgeschenkt, es wird – weghören, liebe Damen – kalorienreich geschlemmt, und es wird facettenreich musiziert. Von Rapper Bo, DJ Placebo und der Hänger-Gang. Weghören? Jedem selbst überlassen.

Ein Knochenjob

Nicht weggehört wird, wenn das gemeine Fuß(ball)volk seine Stimme erhebt. Während die stupide Einblendung von stupiden Tweets zur schlechten Sitte eines jeden Polit-Talks geworden ist, blendet SL! nicht nur ein. Sondern verbalisiert auch. Das ist ein entscheidender Unterschied, vor allem, weil sich Social Lisa dieser Aufgabe annimmt; mit einer Sitzposition, als hätte sie ihre Yoga-Stunde ins laufende Programm inkludiert. Unbequem ist gar kein Ausdruck.

Für @DeinSkySport koordinieren Jan Paetzold und Swen Thissen die Geschicke, sie spannen Netze und Netzwerke, teilweise doppelte Böden. Und irgendwann ereilt sie, wie die komplette Belegschaft, ein Ruf, der in seiner Knappheit unweigerlich hektische Betriebsamkeit impliziert.

Unbenannt

„Das war nicht abgesprochen“ – Auch die Chefin wird mal überrascht :)

 

„Wir hängen!“

Das mag sein. Aber hängen des Hängens wegen ist einigermaßen witzlos. Es muss Abwandlungen geben, zum Beispiel reinhängen. Oder überhängen. Insider wissen: Hangover 4 wird in Ismaning gedreht. Mit Natalie Kaschuge als Alan Garner.

Eine twitternde Chefin bei der Arbeit, das ist in etwa so, als würde Angela Merkel ihre Follower per Ticker unterhalten. Nebenher werden Eintrittskarten für den Bundestag verteilt und Wortmeldungen des Plenums studiert. Manchmal auch rezitiert.

Einigen Zuschauern ist das zu vage. Also sprechen sie. Live und unzensiert. Am Telefon echauffieren sich Fans über unfähige Trainer, unfähige Schiedsrichter oder die aktuelle Weltlage. Doch die Moderatoren sind Medienprofis. Sie verstehen es, den mitunter schwererziehbaren Haufen mit höflichem Nicken und freundlichem Lächeln abzuwürgen. Derbe. Kaum wollen sich Wagner, Leopold, Fuhrmann und Hempel in ihren Polstermöbeln entspannen, klingelt das Telefon erneut. So geht das drei Stunden lang, unterbrochen nur von delikaten Menüs, sportlicher Betätigung und schönen Frauen.

Es ist ein Knochenjob.

Aber einer, der sich in dieser Saison ausgezahlt hat. Samstag LIVE! gelang es, jene interaktive Nische einzunehmen, die nach Belagerung winselte. Entstanden ist ein Produkt mit launiger Attitüde, legerem Freizeitlook und unbürokratischer Kommunikation. Neulich wurde sogar ein Patentrezept für zähe Phasen gefunden: Lisa Heckl an der Waschmaschine. Volltreffer.

Von Johannes Mittermeier und Florian Hellmuth

2 Kommentare

  1. „SamstagLIVE! mit der letzten Ausgabe vor der Sommerpause. Heute zu Gast: Franz Beckenbauer, Pierre Littbarski, sowie die Konferenz-Kommentatoren des heutigen Nachmittags. Florian Hellmuth (in Zusammenarbeit mit Johannes Mittermeier) hat in seinem Blog hierzu eine sehr spannende Review verfasst – Lesebefehl!“

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