Gastblog von Johannes Mittermeier: „Schau, schau, schau, schau, schau, schau…“

Die Formel 1 tourt durch Asien, ORF-Kommentator Ernst Hausleitner sitzt in: Wien. Ein Kreuzbandriss kann Flugmeilen sparen, aber kein Fahrerlager-Flair ersetzen. Glücklicherweise steht ihm Alexander Wurz zur Seite. Was auch den Fernsehzuschauer freut. Eine Hommage an das Duo Infernale.

Die Sportnation Österreich ist zu beneiden. Sie hat Skispringer, die weiter gleiten als die meisten anderen. Sie hat Skifahrer, die flotter wedeln als die meisten anderen. Und sie hat Fußballspieler, die sich zwar nicht für die WM qualifizieren, aber beim FC Bayern unter Vertrag stehen. Zumindest in Teilen.

Außerdem hat Österreich einen Getränkehersteller, der Rennautos baut. Und das nicht so schlecht. Nächstes Jahr haben sie auch wieder ein eigenes Rennen. Landschaftlich, idyllisch, einfach schön. Eine Spielwiese der Gemütlichkeit, und ein Spielberg noch dazu. Das wird ein Fest.

Ja, man kann wohl behaupten, dass es ziemlich viele Dinge gibt, die der Österreicher besser kann als der Deutsche. Formel-1-Übertragungen gehören dazu.

Das wird erst richtig deutlich, wenn man Analogien bemüht. Die Zuschauerzahlen in der Motorsport-Königsklasse sind weltweit rückläufig, und FIA-Präsident Jean Todt weiß selbstverständlich, woran es hakt: „Die Leute haben andere Möglichkeiten, ihre Freizeit zu verbringen. Deshalb müssen wir uns täglich fragen, was wir an der Show verbessern können.“

Zwar würde der phonetische Gleichklang von „FIA“ und „FIFA“ bereits an Aussagekraft des Übels genügen, aber wollen wir mal nicht so sein.

Man gedenkt also, die „Show“ zu optimieren, deswegen plagen sich die Fahrer mit Rädern, die unter Volllast nach etwa fünf Kurven im Jenseits stranden würden. Das wiederum bewirkt dieses unnachahmlichen Florieren der Formel 1, über die Grenzen hinaus, bis nach Bahrain und Baden-Württemberg. Sarkasmus Ende. Nur in Österreich, dem Land der Brause und Bullen, steigen die Quoten, was freilich primär mit denjenigen zu tun haben wird, die den Zirkus in der Alpenrepublik repräsentieren: Ernst Hausleitner und Alexander Wurz. Wäre der ORF überall zu empfangen, hätten sie Zuschauerzahlen von mehreren Millionen.

Skilehrer und Rennfahrer

Ernst Hausleitner, Jahrgang 1968, ist ein Sportreporter mit BWL-Hintergrund, der dann Skilehrer wurde und sicherlich „irgendetwas mit Medien“ machen wollte. Hat geklappt. „Mein erster Einsatz, das werde ich nicht vergessen, war im August 1994, da war ich beim Landesligaspiel Gmunden gegen Grieskirchen“, erinnert sich Hausleitner. Seit 2009 schwankt der Lärm seiner Arbeitskulisse bei ähnlichen Dezibel, mal eher wie in Gmunden, manchmal wie Grieskirchen.

Hausleitner trat ein denkbar monumentales Erbe an. 43 Jahre lang wurden die Formel-1-Rennen von Reporterlegende Heinz Prüller kommentiert, bei dem der TV-Konsument stets über die Rennfahrerverwandtschaft mütterlicherseits informiert war. Außerdem hatte Prüller eine schier konspirative Gabe, sodass er nach drei Runden wusste, wer gewinnt – und dies dem neugierigen Seher nicht vorenthielt. Das ist jetzt nicht mehr so, was jedoch, das muss man der Fairness halber anmerken, nicht Hausleitners Schuld ist. Er wird insofern entlastet, da der Überraschungseffekt der Veranstaltungen (Show!) drastisch zugenommen hat – und da eh klar ist, wer alsbald mit ausgestrecktem Zeigefinger in der Gegend herumfuchtelt und unbeteiligte Passanten nervt.

Alexander Wurz, Jahrgang 1974, war einmal der prädestinierte Nachfolger von Gerhard Berger. Und von Jochen Rindt. Und von Niki Lauda. Und dann merkte Heinz Prüller, dass Wurz vielleicht doch kein Übertalent ist. Sondern ein normaler Pilot mit Tendenz zur Stagnation und Begabung für Technik. Deshalb wurde Wurz Testfahrer, das lag nahe. Nach seiner aktiven Formel-1-Karriere verdingte er sich als Williams-Fahrercoach, Williams-Berater, Williams-Anteilseigner – und Co-Kommentator beim ORF. Nebenbei gewann er die 24 Stunden von Le Mans, das soll ein ganz nettes Event sein. Was man so hört.

Sternstunden der Fernsehberichterstattung

Hausleitner und Wurz, ein Duo Infernale. Sie verwetten stolze Summen auf den Ausgang des Qualifyings („Hast a‘mal fünf Euro?“), achten auf ausgewogene Ernährung („I hab‘ dia a Stückerl Kuchen mit‘bracht“) und verspeisen diesen in morgendlichem Ambiente. Die Kost schmeckt so vorzüglich, dass die beiden auch die Moderation schmeißen. Zwei Alleskönner im Krisengebiet, allein, ohne Atemmaske und Sauerstoffgerät. Es läuft also nicht wie beim deutschen Kompagnon RTL, wo Lauda ständig König ins Wort fällt, ein omnipräsenter Ebel herumstolziert und sich Wasserdanner mehr schlecht als recht ergänzen. Beim ORF ist die Aufgabenverteilung klarer, die Arbeitsteilung strukturierter und die Ressourcenallokation wirtschaftlicher. Neben ein paar semi-interessanten Boxengassenmanschgal bekommt das TV-Volk einzig zwei zu Gesicht: Den Ernst und den Alex. Vor, während und nach dem Rennen. Na geh herst.

„Wir sind sehr gute Freunde“, sagt der Ernst, „was auch wichtig ist, sonst würde es nicht so gut ankommen“, meint der Alex. „Die Zusammenarbeit läuft ausgezeichnet und unproblematisch“, findet der Ernst, „wir waren neulich bei ,Frühstück bei mir‘ bei Claudia Stöckl“, erzählt immer noch der Ernst, „sie hat uns gefragt, ob wir uns irgendwann einmal in die Haare gekriegt haben. Das war nie der Fall“, behauptet der – Ernst. Entdecke den Reporter in dir.

Wurz weiß um seine Rolle als versierter Sidekick. Wird die Thematik für Hausleitner zu diffizil (wird es also für den Ernst ernst), springt er ihm ritterlich bei. Dann schlägt die Stunde des Experten, der Dinge sieht, die andere vielleicht auch sehen, aber der diese Dinge versteht, und andere eben nicht. Dafür ist der Job ja letztlich gedacht. Der österreichische Rundfunk nimmt seinen Bildungsauftrag – Obacht – Ernst, besonders, wenn der Alex im Zuge des rapiden Reifenabbaus fachmännisch die Absonderung der „Gummiwuzerl“ erläutert. Das sind glimmernde Sternstunden der Fernsehberichterstattung, meine sehr verehrten Damen und Herren!

Hausleitner biedert sich nicht mit Halbwissen an und Wurz referiert mit ruhiger Stimme, warum Alonso erneut nicht gewinnt. Die beiden singen keine auswendig gelernten Loblieder auf die deutschen Piloten (sie lesen auch keine Strophen aus Gesangsbüchern ab), und sie ignorieren nicht heimtückisch die Leistungen ausländischer Fahrer. Nein, das routinemäßige – und doch kindlich begeisterte – Abspulen von Heldenelogen auf alles, was nur irgendwie deutsch ist, zählt nicht zur Staffage des ORF. Ein Vorbild an Weltgewandtheit, fürwahr.

Der Reiz des Niveauvollen

Und dann die Live-Action! Wagenrennen, Rad an Rad, haben schon die alten Römer fasziniert. Sind Gefechte im Gange, spannen Hausleitner und Wurz die Zügel an. Das geht so: Der Vordermann schlingert, wahrscheinlich sind die Reifen hinüber. Der Hintermann pirscht sich (durch enormes fahrerisches Können) um zwei bis drei Sekunden pro Runde heran. Das ist der Moment, in dem Wurz anfängt, unruhig auf seinem Stuhl herumzurutschen. Der Hintermann kommt näher, immer näher, zentimeterweise im Windschatten, was gar nicht nötig wäre, denn gleich überquert er die Linie für die DRS-Aktivierung, und dann klappt der Heckflügel auf und alle Dramatik ist passé, weil der Effekt viel zu groß ist und der Überholende freundlich winkend vorbei cruisen könnte, so er wollte. Doch egal. Früher war es schließlich spannender, verzwickter, unvorhersehbarer, zumindest enger, darum tänzelt die Tonlage der Kommentatoren bei jeder Anbahnung eines Vorgangs in den oberen Oktaven. Jetzt könnte es so weit sein, der Hintermann schließt auf, zentimeterweise im Windschatten, was gar nicht nötig wäre, denn gleich überquert er die Linie für die DRS-Aktivierung… Aber Alex Wurz ist Rennfahrer und Ernst Hausleitner Siklehrer, bestimmt wippen sie mit den Füßen, erheben sich leicht und rücken an den Bildschirm heran. Man kann erahnen, wie Wurz imaginäre Lenkbewegungen vollzieht, sein Redefluss prasselt auf den gebannten Zuschauer ein, wie ein Platzregen, ach was, ein Orkan, schneller, donnernder, noch schneller! „Schau, schau, schau, schau, schau, schau…“

Dann öffnet das DRS, der Hintermann schert aus und cruist vorbei. Winkend. So er will.

Dieser exerzierte Herzschlag bewegt den Zuschauer. Da sind zwei Enthusiasten am Werk, die ihre Expertise in gelebte Leidenschaft kleiden. Während ihr germanisches Pendant vom nicht funktionierenden „KÖRS“ und den erschreckend kläglichen „MäcLärens“ referiert, umkreist ihre Sätze dieser liebliche österreichische Einschlag, der alles so viel beschwingter wirken lässt, lockerer, angenehmer. Der Charme des Niveauvollen.

Beim ORF sitzen keine Phrasendrescher am Mikrofon. Wie tief Wurz in die Szene involviert ist, zeigt sich an geheimnisvollen Short Message Services, die mitunter in die Kabine flattern. Meist handelt es sich um Team-Interna, die dem Fernsehzuschauer einen exklusiven Mehrwert bringen würden. So etwas erkennt Hausleitner natürlich, was ihn dazu bemüßigt, mit sanfter Klinge auf Offenlegung zu drängen. Der Ernst so: „Magst ‘as sagen?“ Und der Alex so: „Na.“ Und der Ernst so: „Schoad.“

Und der Alex lachte.

Und der Ernst lachte.

Und sie lachten beide, weil sie sahen, dass es gut war.

Geschrieben von Johannes Mittermeier

mittermeiers-sportblog.de

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