Gastbeitrag: TuT gut!

Die Kommentatoren-Riege in Fußball-Deutschland hat es nicht leicht. Marcel R. wird weitläufig die Rente nahegelegt, Bela R. häufig die Absolution für Länderspiele verweigert. Ein anderen Mikro-Dinosaurier belächeln manche nurmehr, für sein „Ui!“, für sein „Hui!“ und für sein „Hei!“ Dabei hat dieser Reporter eine wahrlich kostbare Fähigkeit: Jedes noch so missratene Spiel in einen kleinen Komödienstadl quatschen zu können.

Er redet exakt so wie er heißt: Friedrich Leonhard Ignatius Josef Maria Lamoral Balthasar von Thurn und Taxis.

Fritz ist kein gewöhnlicher Dampfplauderer. Noch dazu kommt er jovial und nonchalant daher, frei von Phrasen und Plattitüden. Okay, nicht ganz. Aber Fritz ist Kult. Und cool. Er gehört zur raren Garde der Medienmenschen, die es zuletzt fertig brachten, die gebündelte Buchstabenabfolge L – E – W – A – N – D – O – W – S – K – I zu vermeiden. Das ist umso beachtlicher, da TuT am Samstag in München zu den Massen sprach. Am Steuer-Mann in der Allianz Arena kam auch er nicht vorbei, doch dafür lüftete er das Schweizer Bankgeheimnis. Shaqiri wurde für die Startelf nominiert und traf entscheidend. Fritz ahnte es sogleich („Emre Can hat‘s gemacht, da freut er sich aber…“). Eine heroische Leistung. Hätte er nicht schon einen Adelstitel, spätestens jetzt wäre die Verleihung überfällig.

Thurn und Taxis, ein Original. Ein Unikum. Und besonders ein Insider, einer, der die Sprache der Spieler im Repertoire hat und noch flüssiger den Dialekt der Trainer. Als ein Freiburger am Boden lag, sein Körper Pein verursachte und eine Fortsetzung des Arbeitstags fraglich schien, betätigte sich Fritz in seiner Paradedisziplin: Als Souffleur. Wenn der Coach seinen Blick hilfesuchend schwenken lässt, findet er in jedem Fall Rat auf der Pressetribüne. Oder auch andersherum. Es ist nicht immer ganz klar ersichtlich, wer letztlich an wen flüstert. Transporteur der Botschaften vom Spielfeldrand aber ist stets der schnauzbärtige Mann am Mikro.

Beim wehleidigen Freiburger Grasnarbenbetrachter waren sich Christian Streich und Fritz von Thurn und Taxis schnell einig. „Junge, du musst härter werden!“, brüllte Fritz brüllte Streich. Der TV-Althauer wusste, was der Trainer seinem Abwehrspieler eingebläut hatte, und er kannte den Wortlaut bis ins Detail. Das ist meistens so bei Fritz, er beherrscht die komplexe Fähigkeit des Lippenlesens aus respektablem Sicherheitsabstand, wobei der Protagonist mit dem Rücken zu ihm steht. Einmalig im deutschen Profifußball.

„Wenn Sie mal bitte aufpassen würden…“

Auch zu Granden vom Schlage eines Heynckes bestehen Wackelkontakt-freie Beziehungen. Don Jupp wolle unbedingt den Henkelpott gewinnen, jenen mit „den großen Ohrwascheln“, erklärte Fritz – und trank den wissensdurstigen Zuschauer mit einer Exklusiv-Info unter den Tisch. Als schließlich kurz vor Schluss des mauen Neunzigminüters ein entblößtes weibliches Wesen übers Feld düste, analysierte der Journalist messerscharf: „Das ist der eigentliche Höhepunkt des Spiels, meine Damen und Herren.“

Umgehend änderte der „Kicker“ seinen Bericht ab.

Fritz von Thurn und Taxis ist der einzige Kommentator, der sogar den fürchterlichsten Grottenkick in ein lebendiges Fantasieland zu linguieren vermag. Bayern gegen Freiburg wird zwar in die Liga-Geschichte eingehen, aber Fürth gegen Hannover ebenfalls. Keine Kunst also angesichts der statistischen Verbuchung jeglichen Desinteresses. Doch bei Fritz wird man auf eine Reise mitgenommen, vorbei an Zigeunern, durch Donnerwetter, auf Tierfarmen. „Der Fuchs ist ein Hund!“ Im Unterhaltungsbetrieb Bundesliga hat er einen festen Platz – für die Mehrheit ein (adliges) Ärgernis. Das verwundert nicht, denn TuT fordert den matten Pay-TV-Abonnenten permanent, und das zu einer Zeit, die eigentlich der Entspannung dienen sollte. Ein gemütlicher Fußballnachmittag aber steht nicht auf dem Stundenplan.

Der Fan am Fernseher darf sich in keiner Sekunde zu sicher fühlen. Big Fritz is watching you. Er ertappt einen beim gemächlichem Schlendern an den Kühlschrank: „Das ist ja unerhört!“ Er ermahnt bei flüchtiger Unaufmerksamkeit: „Wenn Sie mal bitte aufpassen würden!“ Er überprüft eben diesen dringlichen Appell, indem aus Miroslav ein Oskar Klose wird. Alles System, alles kein Zufall. Der berieselte Konsument soll mitdenken, seine Gehirnwindungen kräftig durchbluten, nicht träge umher gammeln und sich von monotonem Geschwafel beschallen lassen.

Dafür ist Marcel Reif höchstpersönlich zuständig.

Fritz von Thurn und Taxis hingegen beachtet die gesellschaftlichen Missstände. Es gibt schlichtweg zu viele in diesem Land, das nicht einmal seine Heimat ist, die sich nur allzu gern selbst reden hören, an produktiven Erzeugnissen jedoch „glatt vorbei“ schrammen. Ein bedenklicher Zustand: „Das ist ein Ding!“

Schließlich und endlich: Seine Erhebungen der Stimme in der ultimativen Erhebung des Spiels. Fällt ein Tor, und sei es noch so unspektakulär, dann geht die Luzi in ihm nicht nur ab, sie beschleunigt mit einem langgezogenen „Uuuuiiiiiii“ oder katapultiert sich mit der aufgemotzten Variante „Huuuiiiiiiiii“ in die angeschlossenen Funkhäuser. Und Fritz, die personifizierte Wandelbarkeit, legt das Geschoss bei Bedarf nochmals tiefer: „Heeeeiiiiii! Das ist ja suppa…“

Reporter-Institution Fritz von Thurn und Taxis zählt für mich zum Delikatessenreichtum in TV-Deutschland. Der 62-jährige hat nur einen schweren, ja unheilbaren, weil angeborenen Fehler. Er ist Anhänger des TSV 1860 München.

Geschrieben von Johannes Mittermeier

PS: Schaut doch mal in seinen Blog

www.mittermeiers-sportblog.de

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